Sie sind hier

Der Anfang vom Ende?

Ich bin genervt und gelangweilt. Schon wieder? Nein, noch immer. Worüber und wie kommt es? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Ich bin jetzt seit fast 30 Jahren in Mailboxnetzen und im Internet unterwegs. Damals, in den 80ern, war es noch etwas besonderes. Obwohl in absoluten Zahlen bereits mehr Menschen über elektronische Netzwerke erreichbar waren, als man kennen konnte, kannte man doch fast jeden, mit dem man es zu tun bekam. Entgegen landläufiger Meinung, führte das nicht dazu, dass es eine Kuschelumgebung war, in der man sich allenfalls einmal mit einem Wattebausch bewarf. Die Sitten waren rau – für einen Außenstehenden sogar sehr rau!

Hat damals jemand per PM¹ oder AM¹ eine Frage gestellt, deren Antwort in den Tiefen einer Anleitung vergraben war, war ein kurzes RTFM¹ die übliche Antwort. War ein Problem nicht nachvollziehbar, so gab es als Antwort ein: »NT¹« oder »MWE¹?« (damals auch oft noch MCE¹), oder an Tagen mit Sprechdurchfall auch schon einmal ein »Minimalbeispiel?«. Regte sich der Fragesteller darüber öffentlich auf, so entspann sich meist ein FLAME¹ WAR¹, in dem der unbedarfte Anfänger und einzelne ihm beistehende Netzpolizisten so viel Fett abbekamen, dass sie mit DUW¹ mehr als gut beraten waren. Wie lächerlich sich die Leute dabei machten, wurde gerne mit ROTFL¹ und diversen Steigerungsformen davon vermittelt. Die Steigerungsformen waren teilweise so phantasievoll, dass der Streit irgendwann damit endete, dass jemand nachfragen musste, was die Abkürzung denn nun konkret bedeuten solle. Zimperlich war man bei den Streitigkeiten auch nicht. Das ging bis hin zu der Androhung von körperlicher Gewalt. Nicht wirklich selten, wurden Leute auch ganz direkt aufgefordert, sich entweder an die Regeln zu halten oder zu verziehen. Allzu hartnäckige Trolle¹ wurden irgendwann schlicht gänzlich ignoriert und verzogen sich dann meist tatsächlich.

Seltsamer Weise waren die Leute dann, wenn man ihnen auf irgendwelchen Treffen, die quer durch die Republik aus allerlei vergnüglichen Gründen abgehalten wurden, leibhaftig begegnete, meist äußerst umgänglich. Es kam sogar vor, dass man sich heute ohne Ende zoffte und eine Woche später bei einer anderen Gelegenheit gegenseitig (natürlich im übertragenen Sinne) mit dem Messer verteidigte. Irgendwie Kindergarten. Irgendwie harmlos.

Heute ist das anders. Wirf heute mal jemandem ein RTFM¹ an den Kopf und bezeichne ihn dabei ggf. auch noch als DAU¹. Du wirst Dich Deines Lebens so schnell nicht mehr erfreuen! Erst beschwert sich der Fragesteller, dann hauen die Netzkuschler auf Dich ein. Dabei werfen sie Dir in Unkenntnis oder Verdrängung der tatsächlichen Historie des Umgangstons in der elektronischen Welt nicht nur die Verrohung der Sitten vor, sondern beleidigen Dich auch gleich aus der untersten Schublade. Wenn man Dich als arrogant bezeichnet, darfst Du Dir geschmeichelt vorkommen!

Ich kann gerne ein kleines Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit anführen. Da hat jemand an die Admin-Liste dieser Seite einen vermeintlichen Bug-Report zu KOMA-Script geschrieben. Obwohl deutlich bekannt gegeben ist, dass es unter dieser Adresse keinen LaTeX-Support gibt, wurde die Mail an meine KOMA-Script-Bugreport-Adresse aus der KOMA-Script-Anleitung weitergeleitet. Nur leider war die Anfrage im Stil: »Leider funktioniert das Koma nicht. Die Seitenzahlen sind irgendwie innen statt außen, weil ich sie in der Mitte nicht haben wollte.« Hä-bitte? Nein, ich habe nicht »Minimalbeispiel?« zurück geschrieben. Stattdessen habe ich zunächst darauf hingewiesen, bitte nicht die Admin-E-Mail-Adresse für Support-Anfragen zu missbrauchen. Dann habe ich darauf hingewiesen, dass ich das Problem leider so nicht nachvollziehen könne. Er möge bitte ein vollständiges Minimalbeispiel angeben, mit dem ich das Problem reproduzieren kann. Näheres dazu finde er beispielsweise unter http://www.komascript.de/minimalbeispiel. Ich könne mir aber vorstellen, dass er linke und rechte Seiten vertauscht habe. Zurück kam die kategorische Ablehnung, mir das Dokument zu schicken, da dieses vertraulich sei, und ob ich nicht trotzdem helfen könne. Ich verwies daher noch einmal auf mehrere Seiten, auf denen erklärt wird, was ein Minimalbeispiel ist und wie man es erstellt. Außerdem machte ich noch einmal auf Kapitel 2 der KOMA-Script-Anleitung (mit Verweis auf den Link in der Signatur meiner KOMA-Script-E-Mails) und der dortigen Erklärung zu linken und rechten Seiten aufmerksam. Zurück kam die Aufforderung, ich solle sexuelle Handlungen an einem meiner unteren Extremitäten vornehmen und mich dabei von meinem von einer der sieben Todsünden gezeichneten Informatikerdasein auf die Ebene eines armen Anfängers herab begeben, statt selben mit unverständlichen Anleitungen zu traktieren, die insgesamt absolut nutzlos seien.² Ich habe mir erlaubt, diesen mich inzwischen in höchstem Maße langweilenden Aufforderungen nicht nachzukommen, sondern noch einen mäßigenden Versuch unternommen, noch einmal zu erklären, dass linke Seiten immer gerade und rechte Seiten immer ungerade Seitenzahlen haben und ich darüber hinaus und möglicherweise durchaus aufgrund meiner Unzulänglichkeit nicht in der Lage sei, ihm aufgrund der erhaltenen Informationen mehr zu sagen als dass tausende Anwender kein Problem mit der Platzierung der Seitenzahlen haben, also ein Bug eher unwahrscheinlich sei. Er möge sich vertrauensvoll an jemanden in seiner Nähe oder eines der vielen Internet-Foren wenden. Allerdings werde er vermutlich auch dort nach einem Minimalbeispiel gefragt. Damit war das in der Tat beendet. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass die Anfrage von einer E-Mail-Adresse der Form hgkzugklk@… kam und nicht mit Namen unterschrieben war, was mir die Möglichkeit nahm, auf das durchaus höfliche »Sehr geehrter Herr Kohm« am Anfang der ersten E-Mail angemessen zu reagieren.

Ich bin fast sicher, hätte der ganze Schriftverkehr auf einer Mailingliste, im Usenet oder in einem Forum stattgefunden, wäre auch noch jemand dem armen Fragesteller beigesprungen und hätte ebenfalls in das Horn geblasen, dass die blöden Programmierer sich nicht vorstellen könnten, wie schwer es die nicht programmierenden Anfänger heutzutage hätten, wo sie doch erst einmal die riesige Hürde der komplizieren Installation von LaTeX und einem passenden Editor bewältigen müssten und dann natürlich auch keine Zeit mehr hätten, die insgesamt unlesbaren weil samt und sonders von weltfremden Informatikern verfassten Anleitungen zu lesen.

Die Sitten verrohen tatsächlich. Ich muss zunehmend darauf achten, Anwendern sehr ausführlich und geradezu schmeichlerisch zu antworten. Keinesfalls darf ich auch nur andeuten, sie hätten vielleicht etwas falsch gemacht oder nicht verstanden. Vokabeln wie »ungünstig« sind schon ungünstig. Ich muss mich ermahnen, stattdessen »nicht ganz optimal« zu schreiben. Und trotzdem muss ich mir vorhalten lassen, ich könne mir für mein Geld³ gefälligst mehr Mühe geben, und einfach jede Beleidigung von jedem Jüngelchen gefallen lassen.

Dazu kommt, dass ich seit 25 Jahren an der Entwicklung von LaTeX-Paketen, -Editoren, -Distributionen beteiligt bin. KOMA-Script mache ich inzwischen seit mehr als 22 Jahren. Nennt es meinetwegen Midlife-Crises, aber mir vergeht langsam schlicht die Lust daran. Es ist einfach nicht mehr interessant genug, das 198te Feature zu entwerfen, zu implementieren und in zwei Sprachen zu dokumentieren. Wie schon oft erwähnt: Ich selbst brauche das alles nicht.

Vor meinem Urlaub habe ich mich noch gezwungen, jeden Tag min. eine halbe Stunde an dem Code zweier neuer Features zu schreiben.

Im Urlaub habe ich mir ernsthaft Gedanken darüber gemacht, dass 25 Jahre eigentlich ein guter Zeitpunkt wären, auszusteigen.

Seit dem Urlaub stelle ich mir die Frage, ob ich wirklich noch drei Jahre durchhalten muss. Nicht nur die oben erwähnte Verrohung der Sitten, die sich aus meiner Sicht ganz anders darstellt als aus der Sicht derer, die sonst immer davon anfangen, auch die Langeweile der Routine sprechen dagegen.

Vielleicht wäre es wirklich Zeit für einen schrittweisen Ausstieg. Keine neuen Features mehr, nur noch Bugfixes, Support nur noch für die Leute, die gleich zu Anfang alles richtig machen, die anderen komplett ignorieren, wie sie es selbst gerne lautstark fordern in Wirklichkeit aber gar nicht haben wollen. Jeden Tag, an dem ich mir irgend ein Lamento anhören muss, macht die Idee verlockender.

Aber vielleicht ist das alles ja nur eines dieser Motivationslöcher, in die ich alle paar Monate falle. Nur ist es dann dieses Mal extrem tief und betrachte ich das seltsam emotionslos. Normalerweise rege ich mich in einem dieser Löcher tierisch auf. Dieses Mal ertappe ich mich eher dabei, wie ich alles abstreife und mir Gedanken mache, was ich mit der vielen gewonnenen Zeit anfangen könnte. Menschen helfen liegt mir ja irgendwie im Blut. Aber ich könnte zur Abwechslung auch einfach mir helfen.

Markus

1  In diesem Beitrag wurden bewusst Jargon-Ausdrücke und -Abkürzungen verwendet, die heute vielleicht viele nicht mehr kennen. Ein Teil davon war auch nur in meinem einst bevorzugten Netz geläufig. Hier sei daher explizit erklärt:

AM
Allgemeine Mail. Heute vergleichbar mit E-Mails an Mailinglisten oder mit Usenet-Beiträgen.
DAU
Dümmster Anzunehmender User. Angeblich von GAU (Größter Anzunehmender Unfall) abgeleitet. Keineswegs beleidigend gemeint, sondern schlicht eine Bezeichnung für einen absoluten Anfänger in was auch immer. Heutzutage gerne mit dem Kosewort Dummy bezeichnet.
DUW
»Duck und weg«, also Kopf einziehen, sich auf Schläge gefasst machen und am Ende klein bei geben. Eine der frühen deutschsprachigen Abkürzungen. Wenn man sie nach einem Satz oder am Ende eines Beitrags selbst verwendet hat, deutete man an, dass man sich der politischen Inkorrektheit der Äußerung bewusst war. Heutzutage würde man ein Teufelchen verwenden.
FLAME
Ursprünglich eine hingeschnodderte, nicht wirklich ernst zu nehmende, oft auch lächerliche Äußerung. Später zunehmend für sarkastisch, ironische Äußerung mit dem Potential für Streit verwendet.
FLAME WAR
Schlagabtausch mit FLAME. Heutzutage vergleichbar mit einem Shitstorm.
MCE
Minimal (but) Complete Example. Siehe MWE.
MWE
Minimal Working Example. Das ist das berühmt berüchtigte Minimalbeispiel.
NT
Nice Try (netter Versuch) oder No Thanks (nein danke). Was genau gemeint war, war nicht immer klar aber auch egal. Eine Ablehnung bedeutete es auf jeden Fall.
ÖM
Öffentliche Mail, siehe AM.
PM
Persönliche Mail. Heute vergleichbar mit E-Mails zwischen explizit angegebenen Benutzern.
Regular
Jemand, der sich regelmäßig in einer Usenet-Gruppe oder auf einer Mailingliste (heute auch in einem Internet-Forum) zu Wort meldet. Meist sind das gleichzeitig die Leute, die den anderen bei der Lösung ihrer Probleme helfen.
ROTFL
Rolling On The Floor Laughing, also sich vor Lachen auf dem Bode wälzen. Als Reaktion auf den Beitrag eines anderen je nach Situation mal als Zustimmung mal als beleidigende Entgegnung aufzufassen. Es gibt diverse Steigerungsformen davon.
RTFM
Read the fucking/fine manual. Ein schlichter Hinweis darauf, dass die Antwort in der Anleitung zu finden ist.
Troll
Bezeichnung für jemanden, der keinen erkennbaren, sinnvollen Beitrag zu einer Gemeinschaft leistet, sondern nur sich selbst produzieren will. Dazu ist ihm jedes Mittel recht, angefangen mit Fragen zu Problemen, die gar nicht existieren, bis hin zu Kritik an den Regulars.

2  Richtig, im Original war der Tonfall weniger spaßig als hier in der indirekten Rede. Jedoch sehe ich keine Veranlassung den Unflat auch noch zu zitieren.

3  Was für Geld????

Kommentare

Vor über elf Jahren habe ich mich hier auf dieser Seite angemeldet. Aus meiner Sicht brauche ich keine neuen Features mehr in KOMA-script. Naja, wenn man ein paar \protect-Befehle weniger bräuchte bei scrlayer-notecolumn ...

Es hat sich wirklich sehr viel getan und Du hast ein so fantastisches Stück Software abgeliefert, dass ich nicht wüsste, wie ich ohne weiter arbeiten sollte. Der Gedanke, irgendwann zu Word zurückkehren zu müssen, weil meine ganze Maschinerie von Emacs über LateX und Linux nicht mehr funktionieren könnte, kann einem ziemlich den Tag verderben.

Auf der anderen Seite bin ich als Anwender ohne Kenntnisse von Programmiersprachen an meinen Grenzen angekommen.

Ich würde gerne die vielen schönen Anwendungen verwenden, die von vielen engagierten Leuten programmiert worden sind. Aber unvermeidlicherweise muss man sich dann nicht nur eben mal so, sondern ausführlich und konzentriert damit auseinandersetzen.

Zugegeben, für die Abfassung von Dokumenten mit LaTeX könnte ich einen der eigens dafür geschaffenen Editoren verwenden. Aber dann muss man sich unter Windows trotzdem einen Reader installieren und mit dem Editor verbinden, der das PDF nicht gegen Veränderungen sperrt. Inverse Suche wäre natürlich auch schön.

Dann bin ich bei Emacs und dessen wunderbarem orgmode gelandet, weil man damit elektronische Akten führen kann. Leider erwies sich die Programmiersprache lisp als schwer erlernbar und außerdem gibt es dabei nichts, was man einfach mal so versuchen könnte, weil es Tausende Funktionen gibt.

Vor einigen Jahren begann dann bei LaTeX der Lua-Hype. Irgendwie dachte ich, wenn schon TeX selbst so unglaublich schwierig ist, dann lässt sich diese Skript Sprache vielleicht leichter lernen. Ich hab es aufgegeben, vor allem, weil orgmode eine Verknüpfung zu dem Mathematik-Paket von Emacs mitbrachte und ich dort nach einigen Mühen meine Tabellen mit Berechnungen leichter umsetzen konnte.

Wofür ich Berechnungen brauche? Wie man als Microsoft Benutzer eben in Word manchmal Excel-Tabellen einbaut, so baue ich in meine Latex-Texte Tabellen aus orgmode ein.

Natürlich brauche ich auch Textbausteine. Witzigerweise hat sich deren Programmierer eine ziemlich eigene Syntax ausgedacht. Wenn man nur alle halbe Jahr einen neuen Textbaustein braucht, dann ist es ziemlich aufwendig, sich wieder in diese Syntax einzuarbeiten.

Kürzlich musste ich wieder einmal einen sehr langen Text abliefern, der fünf Gliederungsebenen haben sollte: Großbuchstaben , römische Zahlen, arabische Zahlen, Kleinbuchstaben, doppelte Kleinbuchstaben. Es zeigte sich, dass die vielen Verweise, die ich brauchte, teilweise sehr hässlich waren. Wenn man von aa) auf bb) verweisen will, aber der vollständige Verweis nach \ref dann lautet »B.II.1.a)bb)« statt einach bb), dann ist das irgendwie unschön. Also habe ich versucht, »kurze Verweise« zu programmieren, wozu Ulrike freundlicherweise die entscheidende Idee liefert. In der Syntax von LaTeX3. Hey, hochinteressant. Es gibt nur keine Anleitung für Nutzer.

Das übrigens habe ich erfahren, als ich bei TeX-Welt gefragt habe, ob es irgendwo eine Einführung gibt, bei der man sich nicht gleich mit Tokens und Expansion auseinandersetzen muss. Vielleicht war das eine Einschränkung, die ich besser nicht gemacht hätte, aber meine Güte, das Thema ist für mich eben schwierig. In dem Forum kam dann der drollige Kommentar, warum ich mich mit Raketenwissenschaften befassen wollte, ohne Physik zu lernen. Ja herzlichen Dank.

Ich kann nicht mehr Engagement aufbringen, neben her muss ich ja noch arbeiten. Ich kann auch nicht für alle meine Fragen und Wünsche Aufträge vergeben, weil es sehr zeitaufwendig ist, jemanden zu finden, der sich darum kümmert und demjenigen oder derjenigen dann zu erklären, was genau ich brauche.

Ich kann mir nicht vorstellen, wieder auf Office-Pakete umzustellen. Aber selbst als engagierter Anwender muss man sich sehr anstrengen und viel Zeit aufbringen, um die ganze Maschinerie am Laufen zu halten. Irgend ein dämliches Paket, das noch den Befehl \rm verwendet und plötzlich zu einem Stillstand und einem Fehler führt -- gestern hat es doch noch getan?

Aber wohin führt der Weg? Sowohl die Software als auch die Gesetze (man lese nur das neue EEG, alleine die Übergangsvorschrift hat 20 Seiten und ihre Übersetzung in normale Sprache führte schon bei der letzten Ausgabe des Gesetzes dazu, dass ein paar Anwälte eine 100-seitige Anleitung zum Verständnis der Übergangsvorschriften heraus gaben. Der Bundesrat soll heute übrigens eine Übergangsvorschrift zur Verwendung des besonderen elektronischen Postfachs für Rechtsanwälte verabschieden, wir werden uns also beruflich mit qualifizierten elektronischen Signaturen und deren Verwendung in einem unerprobten Postfach-System der Bundesrechtsanwaltskammer auseinandersetzen müssen) werden immer schwerer überschaubar. Bei Software bin ich an meiner höchstpersönlichen Grenze meines Engagements angelangt. Wenn das alles noch komplizierter wird, dann muss ich irgendwas über Bord werfen. Es wird nicht LaTeX und nicht KOMA-script sein. Aber was?

Was soll ich sonst dazu sagen.

Faszinierend, dass ich auf den Beitrag hier und jenen auf dante-ev ausgerechnet von zwei Juristen sinnvolle Antworten bekommen habe. Da schreibt ein Software-Nerd lang und breit, was ihn bewegt und zwei aus einer ganz anderen Fraktion verstehen ihn und schreiben ähnlich ausführlich, wie sie die Dinge erleben. Ist das nicht eigentlich ein gutes, ein hoffnungsvolles Zeichen?

Nur einen Punkt heraus greifend: LaTeX 3 ist aus meiner professionellen Sicht als Diplom Informatiker eine Sprache, die bezüglich ihrer Nomenklatur wesentlich konsequenter durchdacht ist, als alles, was wir bei TeX davor hatten. Aus meiner Sicht als Anwender ist das aber dummerweise zugleich eine große Hürde. Bisher konnte man mit einem gewagten Mischmasch aus internen Befehlen und offiziellen Anwenderbefehlen ganz einfach etwas neues basteln und sich freuen wenn es funktionierte. Um bei expl3 den richtigen Befehl zu verwenden muss man erst einmal Dinge verstanden haben, mit denen sich der normale LaTeX-Anwender gar nicht auseinander setzen will (und bisher auch nur selten musste). Um gar selbst auf der expl3-Ebene eine Anweisung korrekt benannt zu definieren, kommt man nicht darum herum, Dinge wie die Expansion in ihren unterschiedlichen Fassetten wenigstens annähernd verstanden zu haben. Bisher haben sich LaTeX-Anwender darum herum gemogelt und allenfalls gewundert oder eine Frage in einem Forum gestellt, wenn da etwas geknallt hat (beispielsweise bei Anwendung von \MakeUppercase oder in einem moving argument). Ich ziehe daraus das Fazit, dass die expl3-Ebene nie für Anwender gedacht war und die Hürde, zum Experten zu werden mit LaTeX 3 nicht kleiner sondern ehe höher wurde. Es gibt keine kleinen Schritte zum Paketautor mehr, man muss jetzt einen sehr, sehr großen tun. Ich selbst habe bei LaTeX 3 das Problem, dass wenn ich es nicht jeden Tag mache, ich bis zum nächsten Mal die Hälfte vergessen habe und von vorn mit Lesen der Anleitungen beginnen kann. Davon abgesehen, dass es einfach nur schlecht wäre, kleine Teile von KOMA-Script auf expl3 umzuschreiben und es in meinem Leben nicht mehr zu schaffen ist, KOMA-Script insgesamt neu mit expl3 zu schreiben, müsste ich auch noch ständig Tests für die Kompatibilität mit neuen Versionen von LaTeX 3 implementieren. Ich habe tatsächlich in einem der oben erwähnten neuen Features alternativen Code je nachdem, ob ein bestimmtes l3-Makro vorhanden ist oder nicht. Der l3-Code ist tatsächlich besser. expl3 deshalb zu laden und mich darauf verlassen: Derzeit nicht möglich (zumal das l3-Makros AFAIK derzeit noch aus dem experimentellen Bereich stammt). Außerdem müsste dann da entsprechende Paket nach meinem eigenen Anspruch komplett in expl3 neu implementiert werden. Alles andere wäre Pfusch. Nunja, derzeit sieht es nicht so aus, als würde ich den Code fertig schreiben. Also ist es egal.

Ich kann Deine Probleme damit also nachvollziehen.

Achja: Was mich derzeit noch ein wenig interessieren würde wäre, Barrierefreiheit zu unterstützen. Das komplett zu lösen ist aber ebenfalls nicht drin. Wenn jemand anderer die Vorarbeiten leistet, könnte ich mir vorstellen die KOMA-Script-Klassen an einigen Stellen passend aufzubohren. Das aber auch nur, weil es ein Thema ist, das mich seit meinem Studium (ich hatte zwei blinde Kommilitonen, die beide wesentlich schlauer als ich waren und ihr Studium lange vor mir erfolgreich beendet haben) nicht mehr los lässt. Damals war übrigens LaTeX für die Blinden eine feine Sache, weil auf der Eingabeseite leicht zu beherrschen. Ich habe selbst erlebt, wie der eine Blinde damit Arbeiten verfasst hat. Der hat übrigens selbst immer den Quelltext gelesen. Der konnte sich unter einer Formel in LaTeX-Code tatsächlich etwas vorstellen. (Ich hätte fast bildhaft geschrieben, aber tatsächlich war er von Geburt absolut blind und konnte mir so wenig begreiflich machen, wie die Formel für ihn aussieht, wie ich mit 16 meinem Vater begreiflich machen konnte, wie ein rotierender vierdimensionaler Würfel aussieht, ein faszinierendes Bild das ich jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, selbst nicht erneut heraufbeschwören kann, nachdem ich mich seit Jahren nicht mehr intensiv mit vierdimensionaler Geometrie beschäftigt habe. Konnte ich das wirklich einmal? Könnte ich es wieder? So verändern sich Grenzen dessen, was man kann und für möglich hält …) Im Radio läuft Sound-of-Silence, ein Titel, der mich immer an jene Zeit erinnert, melancholisch bis hin zu depressiv und doch voller Hoffnung und wunderschön. Jetzt habe ich Lust Gitarre zu spielen. Das ist etwas, was ich gerne viel besser können würde, wofür ich viel Zeit (und vielleicht auch wieder einen Lehrer) bräuchte … überhaupt … Musik … noch einmal ein Instrument lernen … etwas ganz anders … mit anderen zusammen …

Gerade als ich versucht war, mich zu http://golatex.de/viewtopic,p,87317.html#87317 zu äußern, schepperte es am Briefkasten. Ob wohl der Gang dort hin eine bessere Idee wäre, fragte ich mich. Er war eine ganz ausgezeichnete Idee!

Besten Dank für die CD
an den ehrenwerten B.

Ich habe in meinen KOMA-Script-E-Mails des zurückliegenden Jahres gesucht, aber keine Adresse von Dir gefunden. Daher auf diesem Weg ein Dankeschön. Aufnahme in die Sponsorenliste (rechts) ggf. auf Zuruf.

Danke auch für die Karte aus Nürnberg. Inzwischen sind solche eine Seltenheit. Selbst zum Geburtstag bekomme ich fast nur noch E-Mails und E-Cards. Dennoch haben wir hier noch ein Stahlseilchen hängen, an dem ich die Karte umgehend mit einem Magneten befestigt habe.

Ich würde mich freuen, wenn die Frustration nicht zur Resignation führt.
Erstens, weil das nichts bringt, also die Frustration dadurch nicht weniger wird.
Zweitens, weil es die, die sich im konkreten Fall laufend darüber freuen, dass es KOMA-Script inklusive Buch dazu (!) gibt, dann wahrscheinlich selbst auch noch frustriert wären (... nur, weil da ein paar Ignoranten und »PrinzessInnen« den Markus Kohm vergrault haben).
Drittens, weil man sich prinzipiell die Freude nicht nehmen lassen soll.

Ich bin selbst ein IT-Oldtimer (seit 1984 arbeite ich in der Branche). Der veränderte Umgangston hat Vor- und Nachteile. Wenn es dem Wohlbefinden hilft, könnte man ja ein bisschen »politisch unkorrekt« in den Dante-Foren kommunizieren, wie man sieht, gibt's da ja noch genug, die gerne darauf einsteigen!

Hoffe, Mut gemacht zu haben.
Danke, jedenfalls, für KOMA – möge es nie komatös werden.
Liebe Grüße,
Michael Werzowa

Lieber Markus,
vor 20 Jahren habe ich das erste Kapitel meiner Dissertation mit MSWord geschrieben. Trotz diverser Plug-Ins zur Literaturverwaltung war es ein Desaster: Abstürze, zerstörte Dokumente, verlorene Arbeit usw. Wohl oder übel musste ich mir eine Alternative suchen. Die ersten Gehversuche mit Latex waren steinig und haben mich ca. drei Monate gekostet. Dabei bin ich auch auf KOMA-Script gestoßen und war sofort davon überzeugt. Mein Professor war von der Qualität des Satzes (sagt man das so?) sehr angetan. Die gedruckte Version der Dissertation nehme ich heute noch gern in die Hand und zeige sie stolz meinen Söhnen oder jungen Kollegen, die mit MSWord groß geworden sind.
Vielen, vielen Dank dafür, dass Du dieses Paket geschaffen hast!
Vielleicht hilft es, Dein Motivationsloch ein wenig zu stopfen. Ich wäre sehr froh, KOMA-Script weiterhin nutzen zu können. Jammern und Meckern wirst Du von mir nicht hören, denn es gibt ja ein Handbuch. Wer zu blöd ist, den bestraft das Leben:-)
Stefan

Comments for "Der Anfang vom Ende?" abonnieren