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Ein ganz normaler Waschtag

Aufgrund verschiedener Umstände stapelte sich Anfang der Woche hier die Wäsche. Da ich aufgrund beschränkter Leinenkapazität nur eine bestimmte Menge an Wäsche gleichzeitig zum Trocknen aufhängen kann, ziehen sich die Waschtage über die ganze Woche hin. Ein Teil der Wäsche kann auch in den Trockner. Die Wäsche braucht auch unterschiedlich lang und zwischendurch gibt es immer Zeiten an denen ich weder Zeit zum Aufhängen noch zum Umräumen in den Trockner und Neubeladen der Waschmaschine habe. Auch brauchen Waschmaschine und Trockner teilweise unterschiedlich lang. Deshalb will das Ganze gut geplant sein.

Bevor ich mich heute morgen ans Waschen gemacht habe, habe ich mal eben schnell meine E-Mails geprüft. Hm, eine Mail da, die ich möglichst rasch zumindest vorläufig beantworten will. Erste Fassung enthält mir aber zu viele »muss ich mir erst näher anschauen«. Also das näher Anschauen in Teilen gleich erledigt. Blick auf die Uhr: halbe Stunde vorbei. Schnell noch E-Mail geändert, abgeschickt, TODO-Liste erweitert, noch einmal fast eine Viertelstunde vorbei.

OK, geht noch. Da ich zur Beantwortung ohnehin schon ins Internet musste, gleich noch eben die Foren gecheckt. Soll ich da etwas zu schreiben? Was antwortet man am besten? Lieber erst noch ein wenig recherchieren. Oh, schon wieder eine halbe Stunde vorbei.

Telefon klingelt. Wo ist das blöde Teil? »Ja? – Hallo?« Telefon schweigt mich an, kein Knacken kein Rauschen. Blick auf das Display. Doch Verbindung besteht. Nummer: Privat. »Hallo!« – »Hello? Ich Sie rufe an von Microsoft. – Wegen ihrem Windows-Rechner.« Blöde Kuh, ich verwende Linux. »Ja?« – »Geht wegen Sicherheit. – Sie verstehen?« Klar, verstehe ich. Du hältst mich für dämlich. »Ja. Sicherheit.« – »Ihr Computer hat großes Gefahr für Virus. – Schädling. – Sie verstehen?« Ja, ich bin tatsächlich nur halb so blöd, wie Du glaubst. »Sie sind jetzt an Computer? Ich Ihnen gerne helfe wegen überprüfen.« – »Und was muss ich da machen?« – »Dauert nur fünf Minuten. Kostenlos.« – »Was dauert fünf Minuten.« – Die Pause ist länger. Offenbar versteht sie nicht halb so gut Deutsch wie sie den Text vorlesen kann. – »Sie müssen nur Browser starten und Seite aufrufen. – Sie verstehen? Internet Explorer.« Ja, ich verstehe wirklich gut, was die will. »Ja, OK. Und jetzt?« – »Öffnen Sie Seite …« Ist irgend ein Link von einem Abkürzungsdienst. Hätte ich mir vielleicht aufschreiben sollen. »Sie sind doch von Mircosoft, oder?« – »Ja, ich rufe direkt von Microsoft USA an.« ­– »Warum ist das dann keine microsoft.com-Seite?« – »Ist Microsoft-Seite. Nur der Link ist zu lange für Telefon.« Oh, die kann doch Deutsch. Sogar plötzlich fast akzentfrei. »Achso. Und warum wird Ihre Telefonnummer unterdrückt?« Schweigen. »Hallo, sind Sie noch dran?« – »Hallo? Sie haben Link eingegeben?« – »Ja, schon, aber da wird nur angezeigt, dass die Seite ohne Java-Script nicht aufgerufen werden kann.« – »Sie müssen Java-Script einschalten.« – »Hören Sie, ich habe dafür jetzt keine Zeit. Können Sie mir ihre Telefonnummer geben. Dann rufe ich Sie später zurück.« – »Dauert nur noch ganz schnell.« – »Also schön. Sie glauben ich wäre dämlich und wollen mich gleich abzocken. Die Masche ist inzwischen alt …« Klack. Telefongespräch wurde von der Gegenseite beendet. Äh, war da nicht noch etwas?

Klar, der Forenbeitrag vor dem ich während des gesamten Telefongesprächs sitze. Was wollte ich damit? Beantworten, klar. Aber nicht jetzt, keine Zeit mehr. Die blöde Kuh hat mich mehr Zeit gekostet als ich dachte. Aber noch schnell in ein anderes Forum geschaut. Ah, da ist ein interessanter Beitrag über etwas, wovon ich keine Ahnung habe, das ich aber schon immer wissen wollte. Die zwei Links kann ich auch noch schnell … ah, hier geht es noch einmal weiter. Blick zur Uhr: Umpf, fast eine Stunde. Jetzt aber dringend. Ping! E-Mail.

Hm, selber Absender, neues Problem. Kann ich da was machen? Keine Ahnung. Muss ich recherchieren. Hoffentlich geht das schnell. OK, da steht etwas. Hilft nicht. Muss ich erst einmal vertrösten. Blick zur Uhr, keine Zeit. Ein paar Zeilen getippt, senden gedrückt: Sorry, melde mich später wieder.

Telefon klingelt. Ich nehme ab. Stille. Erst jetzt fällt mir auf, dass nur eines von drei Telefonen im Haus geklingelt hat. »Hallo?« Keine Antwort. Ich ertappe mich dabei, wie ich den Apparat schüttle. Gehörst Du auch zu den Leuten, die an der Maus rütteln und so zusätzliche Maus-Events generieren, wenn der Rechner wegen Überlastung nicht reagiert? Ich dachte, ich nicht. Wenn bei mir nur ein Telefon klingelt, dann wurde eine der Nummern gewählt, die ich eigentlich nie öffentlich mache und nur dem einen Telefon zugeordnet ist. Die werden doch nicht … »Hello! Ich rufe Sie an im Auftrag von Microsoft …« Ist das etwa die gleiche Stimme wie heute Morgen schon einmal? Bei dem Akzent schwer zu sagen. Ich lege kommentarlos auf. Keine Zeit für den Mist.

Vielleicht sollte ich eben schnell eine E-Mail schreiben, um meinen Vater vor der Abzocke zu warnen. Ich muss nur aufpassen, dass ich mich für einen Laien verständlich ausdrücke. Er soll einfach gleich auflegen. Microsoft ruft keine Anwender an und lässt auch nicht anrufen. Wird er schon verstehen. Blick auf die Uhr: Ich muss jetzt wirklich dringend …

Wo war ich? OK, doch noch schnell nachgeschaut, ob ich das Problem aus der E-Mail nicht lösen kann. Doch. Geht. Und noch schnell eine Antwort, damit der auch Bescheid weiß. Blick zur Uhr: Wenn ich jetzt keine Wäsche in die Maschine bekomme, dann kann ich das heute vergessen!

Planung ist ohnehin hinfällig. Blöd. Genau diese Wäsche gibt jetzt keine volle Maschine. Das ist mir nun aber auch schon egal. Rein damit, Waschmittel, Enthärter, Weichspüler, Programm, Start.

Jetzt brauche ich einen Kaffee. Während ich den trinke, könnte ich eigentlich eine Geschichte schreiben, wie mein typischer Waschtag so abläuft. Wenn man es genau nimmt, ist das nämlich eine gute Allegorie für meine KOMA-Script-Entwicklung. Die letzten Tage hatte ich da auch so etwas wie Waschtage: Entrümpeln von Code. Infrastruktur auf Vordermann gebracht. Dabei entdeckte Fehler beseitigt. Lange vernachlässigtes in Angriff genommen. Egal, ob ich ein neues Feature entwerfe, implementiere, einen Fehler debugge, herauszufinden versuche, ob etwas überhaupt ein Fehler ist, Anleitung schreibe, es geht mir häufig genau wie mit dem geplanten Wäschewaschen. Irgend etwas kommt immer dazwischen, stört in gewisser Weise, ist mir aber wichtig, amüsiert mich. Wenn es gar zu schlimm wird, igle ich mich für einige Stunden ein, beende ganz bewusst den Mail-Client und den Browser und bin nur noch über ganz normales Telefon erreichbar. Genau dann klingeln drei verschiedene Paketboten, der Briefträger hat etwas, was nicht in den Briefkasten passt, meine Mutter ruft an, weil ich mich schon lange nicht mehr gemeldet habe und zwischendurch will mir jemand Wein und Nudeln am Telefon oder Pfälzer Kartoffeln, Äpfel und Orangen (wusste nicht, dass das Klima in der Pfalz dafür geeignet ist) verkaufen. Die Päckchen bekomme ich gern – sogar, wenn sie für meine Nachbarn sind –, mit meiner Mutter telefonieren ist mir wichtiger als jeder Fehler in KOMA-Script, Wein und Nudeln kaufe ich nicht am Telefon und Obst und Gemüse nicht an der Haustür. Aber zum Arbeiten kommen ich irgendwie nicht. Wer trotzdem die ganze Arbeit macht? Ich. Aber fragt mich nicht wann.

Bis demnächst
Markus

PS: Mein Kaffee ist jetzt kalt.

Kommentare

Danke für den Einblick. +1

Netter Einblick in den Alltag - kam mir streckenweise von den Abläufen her irgendwie vertraut vor :)

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