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Was ist eigentlich so schlimm daran, \parindent auf Null zu setzen?

Immer wieder sieht man Dokumente, Beispiele oder Vorlagen, in denen \parindent auf 0pt gesetzt wird, um den Einzug der ersten Zeile eines Absatzes zu verhindern. Mit etwas Sorgfalt findet man auch Reaktionen darauf, bei denen genau davon abgeraten wird. Aber warum ist das so und was sollte man stattdessen tun, wenn man keinen Absatzeinzug haben will?

(La)TeX selbst kennt drei Möglichkeiten, um einen Absatz kenntlich zu machen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch davon, einen Absatz auszuzeichnen. Es gibt also drei mögliche Absatzauszeichnungen, die man teilweise auch miteinander kombinieren kann.

An erster Stelle und bei vielen Klassen die Voreinstellung ist der Einzug der ersten Zeile eines neuen Absatzes. Der neue Absatz beginnt also nicht am linken Rand, sondern in der ersten Zeile wird zunächst ein horizontaler Abstand eingefügt. Für diesen Absatzeinzug zuständig ist bei TeX die Länge \parindent. Die KOMA-Script-Klassen setzen diese Länge in der Voreinstellung auf 1em also ein Geviert. Das ist ein von der jeweiligen Schrift und deren Größe abhängige Einheit, die ursprünglich einmal der Breite des Buchstabens M entsprach. Bei heutigen Fonts kann die tatsächliche Größe jedoch davon abweichen.

An zweiter Stelle ist ein vertikaler Abstand zwischen Absätzen zu nennen. Der neue Absatz beginnt also nicht unmittelbar unter dem vorherigen Absatz, sondern erst mit einem gewissen Abstand dazu. Für diesen Absatzabstand zuständig ist bei TeX die Länge \parskip. Die Standardklassen und die KOMA-Script-Klassen setzen diese Länge in der Voreinstellung auf 0pt plus 1pt. Diese Stelle darf also in der Voreinstellung notfalls dazu verwendet werden, eventuell notwendigen zusätzlichen Abstand von bis zu 1 pt einzufügen, um bei der Einstellung \flushbottom die letzte Zeile aller Seiten auf dieselbe Position zu verschieben.

Weniger bekannt ist die Möglichkeit, die letzte Zeile eines Absatzes mit einem Mindestabstand zum rechten Rand des Textbereichs zu versehen. Die letzte Zeile eines Absatzes wird dann also nicht voll, sondern enthält einen Mindestfreiraum am Ende. Für diesen Endzeilenabstand ist bei TeX die Länge \parfillskip zuständig. LaTeX selbst und auch die KOMA-Script-Klassen setzen diese Länge in der Voreinstellung auf 0pt plus 1fil. Es muss also nicht zwingend ein Freiraum am Ende eines Absatz sein. Die letzte Zeile des Absatzes darf komplett gefüllt sein.

In den meisten Sprachen ist es übrigens üblich, den Absatzeinzug beim ersten Absatz nach einer Überschrift weg zu lassen, weil hier der Beginn eines neuen Absatzes auch ohne Einzug eindeutig erkennbar ist. Die meisten LaTeX-Klassen machen das in der Voreinstellung daher auch so. Manche Verlage sind auch der Meinung, dass man am Anfang einer Seite keinen Absatzeinzug benötigt. Ich persönlich lehne das aber ab, da man so gerade dann, wenn Satzanfang und Seitenanfang zufällig zusammen treffen, nicht erkennen kann, ob es sich hier auch um einen Absatzanfang handelt oder nicht. Die Begründung, dass ein Seitenanfang eine stärkere optische Zäsur ist als ein Absatzanfang, ist für mich kein Grund, quasi jeden Satzanfang an einem Seitenanfang zu einem Absatzanfang zu machen oder jeden Absatzanfang an einem Seitenanfang willkürlich zu entfernen.

Übrigens sind viele Typografen der Auffassung, dass man einen Absatz am besten an dessen Anfang erkennt. Einen Endzeilenabstand des vorherigen Absatzes hat man am Anfang des neuen Absatzes bereits mehr oder weniger vergessen. Das gilt insbesondere dann, wenn er am Ende einer Seite stand. Am Anfang der nächsten Seite erkennt man dann den neuen Absatz nicht mehr. Ebenso hat man einen Absatzabstand am Ende einer Seite vergessen, wenn man die Seite umgeblättert hat. Eventuell hat man den Absatzabstand am Ende der Seite sogar komplett übersehen. Ebenso übersieht man den Absatzabstand gerne nach Bildern, Tabellen, Formeln oder anderen eingeschobenen Elementen. Den Absatzeinzug erkennt man dagegen nahezu immer. Das ist einer der Gründe, warum der Absatzeinzug in der Regel die Voreinstellung und auch das Mittel der Wahl ist.

Hat man sich jedoch einmal gegen den Absatzeinzug entschieden, so kommen viele Anwender auf die Idee, ihn mit \setlength{\parindent}{0pt}, \parindent=0cm, \parindent0mm oder ähnlichen Angaben einfach abzuschalten. Warum man die zweite und dritte Methode nicht verwenden sollte, findet man im LaTeX2e-Sündenregister. Warum man die erste Methode nicht verwenden sollte, ergibt sich eigentlich schon aus obigen Erklärungen: Die Absatzauszeichnung geht damit verloren. Zwar kann zufällig das Ende eines Absatzes noch an einer wenig gefüllten Zeile erkennbar sein, aber zwingend ist das nicht:

Absätze ohne Kennzeichnung
Wo sind hier die Absätze? Der ganze Text besteht aus einem einzigen Absatz? Im Endeffekt ist das richtig. Geplant waren allerdings vier komplette Absätze, wie man an dem Quellcode des Beispiels erkennt:

% ACHTUNG: Dies ist ein Negativbeispiel! Bitte nicht nachmachen!
\documentclass{scrartcl}
 
\usepackage[utf8]{inputenc}% Eigentlich überflüssig, aber da draußen geistern
                           % leider noch sehr viele alte LaTeX-Installationen
                           % herum.
\usepackage[T1]{fontenc}
\usepackage{lmodern}
 
\setlength{\parindent}{0pt}% oder \parindent=0pt oder \parindent0pt oder
                           % \parindent=0cm oder …
 
\usepackage{blindtext}
 
\begin{document}
Dies ist ein Beispielabsatz mit Text, der nur zeigen soll, das hier
tatsächlich ein Problem entsteht. \blindtext\unskip\footnote{Hier wäre der
  Absatz gewesen}
 
\blindtext Und hier verstecke ich den Absatz jetzt noch ein wenig besser,
weil ganz ohne Fußnote.
 
Hast\footnote{Vor diesem Wort war ebenfalls ein Absatz.} Du den Absatz in der
vorherigen Zeile gefunden? \blindtext Es geht noch ein weiteres Mal.
 
\blindtext
 
\end{document}

Das ist ein Extrembeispiel? Das ist sicher richtig, auch wenn es mich keine fünf Minuten gekostet hat. Tatsächlich habe ich beim zweiten und dritten Absatz sofort die absolute Vernichtung der Absatzauszeichnung getroffen. Aber auch, wenn ein kleiner Abstand am Ende der letzten Zeile eines Absatzes zurück geblieben wäre, wäre dies nicht eindeutig. So muss man beim letzten Absatz schon sehr genau hinschauen und mancher mag sich fragen, ob da am Ende der Seite tatsächlich auch der Absatz endet. Auch ein größerer Abstand am Ende der letzten Zeile wäre nicht wirklich hinreichend. So sind beispielsweise auch die Zeilen, die einer abgesetzten Formel voraus gehen, meist nicht ganz voll. Eine nicht volle Endzeile ist für sich gesehen daher keine hinreichende Absatzauszeichnung.

Was also tun? Man muss beim Abschalten des Absatzeinzugs mindestens einen Absatzabstand aktivieren. Theoretisch könnte man dazu \parindent auf Null setzen und den \parskip auf einen geeigneten Wert. Allerdings hat die Wahl für einen Absatzabstand weitreichende Auswirkungen. So beeinflusst diese Wahl beispielsweise die dann typografisch korrekten Abstände zwischen und vor Listenelementen. Daher sollte man eben nicht selbst \parindent und \parskip ändern. Stattdessen verwendet man am besten die von den Klassen bereitgestellten Möglichkeiten. Die beiden in der Typografie am häufigsten verwendeten Abstände einer ganzen oder einer haben Zeile bieten die KOMA-Script-Klassen über unterschiedliche Werte für Option parskip an. Gleichzeitig kann man über diese Option auch den Endzeilenabstand verändern. Viele Typografen sehen es nämlich als erforderlich an, den Absatzabstand mit einem großzügigen Endzeilenabstand zu verbinden. Auch das Paket parskip, das man verwenden kann, wenn eine Klasse keinen Absatzabstand unterstützt (also bitte nicht mit einer KOMA-Script-Klasse!), bietet hier entsprechende Möglichkeiten.

Übrigens bieten die KOMA-Script-Klassen über Option parskip auch die Möglichkeit die Dehnbarkeit des Absatzabstandes bei der Wahl von Absatzeinzug als Absatzauszeichnung zu unterbinden. Näheres findet sich in der KOMA-Script-Anleitung und natürlich auch im KOMA-Script-Buch in den Abschnitten zur Absatzauszeichnung.

Fazit: Die Verwendung von \setlength{\parindent}{0pt} oder eine vergleichbare Methode, um den Absatzeinzug abzuschalten, ist immer ein Fehler und ein Hinweis darauf, dass eine Vorlage oder ein Tutorium fragwürdig ist!

Nebenbei sei noch erwähnt, dass die komplexe Unterstützung von unterschiedlichen Absatzeinzügen in KOMA-Script ohnehin ein internes Wissen, um die gewählten Einstellungen erfordert, das durch eine direkte Änderung von \parindent, \parskip und \parfillskip nicht erreicht werden kann. Daher bieten die KOMA-Script-Klassen neben Option parskip mit der Anweisung \setparsizes eine eigene Schnittstelle, um die drei Möglichkeiten der Absatzauszeichnung zu justieren. Aber auch dabei sind natürlich unbedingt obige Hinweise zu beachten.

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