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Das Buch lebt!

Das Alter bringt es mit sich, dass man ab und an den Blick in die Vergangenheit schweifen lässt. Die einen verharren dabei in nostalgischer Betrachtung. Andere nutzen den Blick über einen Zeitraum von vielleicht einem halben Jahrhundert, um daraus visionäre Spiegelungen für die Zukunft zu projizieren. Gerne würde ich mich selbst zu letzteren Visionären zählen, obwohl ich in der Rückschau auch gerne den Standpunkt dessen einnehme, der im Nachhinein mal wieder schlauer ist. Da ich vorzugsweise die Dinge reflektiere, bei denen meine eigenen Visionen aus jungen Jahren trotz damals vollkommenen Fehlens jeglicher erfahrenen Rückbetrachtung zutreffend waren, könnte man auch annehmen, dass ich schon immer schlauer war.

Schon in meiner Schulzeit auf dem Gymnasium war so mancher Besucher meiner Höhle über die Zahl der dort aufzufindenden Bücher verwundert. Hast Du die alle gelesen?Wer liest die denn alle?Langweilig! Häufige Bemerkungen, die ich in meinem Leben immer wieder gehört habe. Bücher sind out!Das Buch ist tot!In zehn, zwanzig Jahren liest niemand mehr ein Buch! Die Propheten wurden nie müde, in solcher und ähnlicher Weise in die Zukunft zu schauen.

Ich war schon in meiner Jugend und bin bis heute der Auffassung, dass das Erlebnis eines Buches durch keinen Film, kein Computerspiel und auch nicht durch ein Hörbuch zu ersetzen ist. All diese Dinge haben ihre Berechtigung. Aber so wenig, wie eine Schwarzwälder Kirschtorte einen Apfelkuchen ersetzen kann, kann eines davon ein Buch ersetzen.

Wenn ich ein Buch lese, dann interpretiert meine Phantasie nicht nur die Geschichte an sich. Es bilden sich ganz bestimmte Vorstellungen von Personen, Stimmen, Landschaften, Umgebungen. Das geht so weit, dass ich mir bei Personen Körperhaltungen und Eigenarten einbilde, die im Buch gar nicht explizit beschrieben sind. Schon beim Hörbuch ändert sich das. Die Art und Weise, wie der Vorleser den Text betont, die Sprache von Personen nachahmt, die Lesegeschwindigkeit variiert, haben Einfluss darauf, wie frei ich in meiner eigenen Vorstellung bin. Bei einem Film gar bin ich durch andere fast komplett festgelegt. Das geht so weit, dass meine Stimmung und Sympathie durch zusätzliche Elemente wie Musik und Geräusche gezielt gesteuert wird. Wenn mir also jemand sagt, er warte lieber auf den Film, dann ist das für mich eine andere Welt. Es ist auch nicht schlimm, wenn ich später den Film sehe und er mir eine andere Geschichte erzählt als diejenige, die ich beim Lesen erlebt habe. Solange sie gut erzählt ist, soll es mir recht sein.

Beim Anblick von Fachbüchern und Bergen von Notizen und Zeichnungen über Dinge, die ich plante, erklärte man mir schon vor dreißig Jahren, dass in wenigen Jahren das papierlose Büro die Regel sein werde. Niemand schreibe dann mehr auf Papier. Alles würde in Computern gespeichert, katalogisiert, aufbereitet und auf riesigen, virtuellen Bildschirmen dreidimensional in den Raum projiziert. Dass ich gar selbst Kurzgeschichten und Romane handschriftlich in Notizbücher kritzelte, durften nur wenige erfahren. Wer macht denn so etwas?Das wird doch nie jemand lesen!Langweilig!

Microsoft ging recht früh dazu über, gedruckte Anleitungen durch mehr oder weniger umfangreiche Hilfesysteme zu ersetzen. Angepriesen wurde dabei nicht nur die bessere Durchsuchbarkeit sondern auch die unmittelbare Verfügbarkeit dann wenn und dort wo man es braucht. Einige postulierten, dass dies auch das richtige Format für Fachbücher anderer Art sei. Für die ewig Gestrigen – wie mich –, die ein gedrucktes Buch in Händen haben wollen und Bücher auch in der Straßenbahn, auf dem Sofa oder – man verzeihe mir meine Direktheit – auf der Toilette lesen wollen, druckte man dann doch weiterhin auch Bücher. Wenn ich diese Bücher allerdings in Händen hielt, begann sogar ich an meiner Überzeugung, dass ein gedrucktes Buch am Ende durch nichts zu ersetzen sei, zu zweifeln.

Bei den Fachbüchern insbesondere aber nicht nur im Computerbereich machten sich Paperbacks mit hochglänzenden, bunten Umschlägen breit. Breit trifft dabei auch für die Buchrücken zu. 7 cm und mehr waren keine Seltenheit. Beim Inhalt tobten sich die Verlage im reichen Fundus überwiegend gleich (schlecht) aussehender serifenloser Fonts aus. Die grauenvoll schlechte Qualität grober Screenshots versuchte man durch dünnes Hochglanzpapier, an dem ich mich nicht selten geschnitten habe, auszugleichen. Text und Bilder waren wahl- und lieblos auf den Seiten verstreut. Mal verwendete man 14 Punkt für die Schrift, um die 8 cm Buch voll zu bekommen, mal winzige 5 Punkt in Grün in gelb hinterlegten Kästen, mit roten Pfeilen, um in Bildern auch noch irgendwie irgendwelche Beschriftungen unter zu bringen. Das Papier war häufig so steif, dass man selbst bei großer Sorgfalt, beim Umblättern Knicke hinterließ. Mit blutenden Fingern eingerissene und geknickte Seiten umzublättern war damals eine meiner Visionen.

Im krassen Gegensatz dazu konnte das Papier für Romane und Belletristik jeder Art nicht mehr billig genug sein und verlor diese Art von Büchern fast generell das Lesebändchen. In der Straßenbahn sah man häufiger Menschen, die Taschenbücher auf einseitiges Format umgeknickt hatten und beim hastigen Verlassen an der Haltestelle ihre losen Blätter zusammenklauben mussten.

Es ist also nicht wirklich verwunderlich, dass einige Jahre später, als die ersten E-Book-Reader für teures Geld auf den Markt kamen und plötzlich auch erste Romane elektronisch angeboten wurden, eine goldene Zukunft für diesen Verbreitungsweg und der gleichzeitige Tod des gedruckten Buches proklamiert wurden. Ich selbst konnte daran nicht glauben und wollte es auch nicht. Natürlich kann man den Inhalt eines Buches durchaus einem E-Book-Reader entnehmen. Aber für mich beginnt ein Buch, lange bevor ich dessen Inhalt lese. Ich sehe es. Ich erfasse sein Format.

Unterschiedliche Formate sprechen mich tatsächlich unterschiedlich an. Formate erwecken auch Erwartungen. Ein besonderes Format verlangt auch nach einem besonderen Inhalt. Landschaften in Neuseeland als kleinformatiges Taschenbuch lassen mich wenig Bilder und viele Beschreibungen, möglicherweise sogar einen Gedichtband erwarten. Derselbe Titel als überbreites Querformat lässt mich an Panorama-Fotos und vielleicht mehrspaltigen Satz als Begleitung von Bildern denken.

Auch der Einband und die Bindung rufen Erwartungen hervor. Habe ich das Buch dann in der Hand, fühlt es sich tatsächlich an. Das Buch hat ein Gewicht. Ein schweres Buch lässt mich an einen langen Genuss denken, der mich aber auch Zeit kosten wird. Nichts, um mal eben zehn Minuten zwischen Abendessen und Nachrichten zu überbrücken. Das wird durch eine raue Oberfläche ggf. noch verstärkt. Ist es dagegen eher weich, denke ich daran, beim Lesen auf dem Sofa oder dem Liegestuhl zu verweilen. Schaut ein Lesebändchen heraus, ist es ein Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt. Man muss es nicht auf einmal durchlesen. Man kann es zwischendurch zur Seite legen. Ich schaue mir die Umschlaggestaltung an. Sieht das so aus, als habe sich jemand Gedanken gemacht oder als wollte man nur schnell irgend etwas haben, um das Buch herausbringen zu können. Ich mag schlicht erscheinende Einbände, die jedoch gestaltet sind. Nicht jedes Foto eines Revolvers oder eines Einschusses ist geeignet, jeden Krimi einzubinden. Der Umschlag soll eine Geschichte erzählen. Er soll mir aber nicht den Inhalt vorweg nehmen.

Erst jetzt schlage ich das Buch auf. Und dann will ich einen ansprechenden Satz haben, der dem Inhalt gerecht wird, ihn aber nicht dominiert. Dabei habe ich durchaus Vorlieben, die nicht jeder teilt. Ich mag es beispielsweise nicht, wenn ein Absatz am Seitenanfang nicht eingezogen wird, nur weil er am Seitenanfang steht. Ich weiß, es gibt dafür gute Gründe. Wenn man die Seite umblättert, dann ist das Umblättern bereits ein stärkerer Bruch als jeder Einzug sein kann. Auch der Sprung von links unten nach recht oben ist eine Kadenz. Aber diese Betrachtung geht von linearem, sequenziellem, ununterbrochenem Lesen aus. Das kommt vor. Ich lasse ein Buch aber auch einmal sinken. Ich lasse es wirken, meine Gedanken schweifen. Ich lege ein Buch weg. Ich nehme das Lesen wieder auf. Für die Unterbrechungen suche ich mir dabei günstige Stellen aus. Meist zwischen Absätzen. Also suche ich beim Weiterlesen nach solchen Stellen. Dabei stört mich, wenn ich den Absatz am Seitenanfang nicht erkenne. Ebenso will ich einen Platz in der rechten oberen und der rechten unteren Ecke, um die Seite umzublättern. Dazu muss ich sie dort bereits fassen können, bevor ich an diesen Punkt komme, ohne dabei am Lesen gestört zu werden. Ich halte Bücher auch nicht immer gleich. Das hängt tatsächlich davon ab, wie sich das Buch anfühlt, wo ich lese und wie lange ich lese.

Das Erlebnis Buch kann daher nicht nur weder von Hörbuch noch Film übernommen werden. Das komplette Erlebnis Buch kann auch nicht von einer elektronischen Darreichung erbracht werden. Der Satz hängt beim E-Book ganz zentral vom Reader und den Einstellungen ab. Eine Gesamtgestaltung kann es dabei nicht geben. Dazu müssten alle E-Book-Reader gleich sein und dürften keine Einstellungen bieten. Aber auch dann wäre nur eine innere Gestaltung möglich. Das Erlebnis des Äußeren, wie ich es oben beschrieben habe, würde fehlen. Trotzdem wurde vor einigen Jahren teilweise der Tod des gedruckten Buches prophezeit. Dabei wurden durchaus vorhandene Vorteile nüchtern und objektiv genannt ohne zu berücksichtigen, dass ein Buch mehr als objektives Erfassen von Nutzen ist. Ein Buch ist ein Erlebnis.

Aktuelle Entwicklungen geben mir zumindest im Augenblick recht. Verlage finden das gedruckte Buch wieder. Scheinbar ausgerechnet Reclam, der Verlag, der mit billig gemachten Lektüren für die Schule bekannt wurde, verpflichtet renommierte Typografen, Illustratoren, Übersetzer und Kommentatoren, um teils altbekannte Werke ganz neu erlebbar zu machen. Beschäftigt man sich etwas eingehender mit dem Verlag, ist es übrigens nicht mehr ganz so erstaunlich. Aber auch andere Verlage haben solche Entwicklungen.

Vor einiger Zeit habe ich in einem modernen Antiquariat Taschenbücher einer Krimiautorin für den Massenmarkt entdeckt. Es handelte sich um eine nur wenige Jahre alte Sonderauflage offenbar in Fadenbindung in Leinen- oder Jeansoptik und -Haptik, sehr biegsam und weich mit Lesebändchen. Herausgegeben ausgerechnet in den Jahren, die ich rückblickend für die schlechteren Buch-Jahre angenommen hatte. Ich habe alle Bände, die zu bekommen waren, erworben, obwohl ich eigentlich von der entsprechenden Krimireihe längst Abstand genommen hatte.

Ausgerechnet der Weltbild-Verlag, der eher für Massenramsch und Remittendenverwertung bekannt ist, brachte in den letzten Jahren diverse selbst produzierte Bücher in Kunststoff statt Pappe mit Lesebändchen gebunden heraus. Kinderbücher selbst für die Jüngsten erscheinen wieder in einer Aufmachung, die nicht nur Kinder in Erstaunen bringt, sondern den Eltern Lust macht, den Kindern den Umgang mit Büchern beizubringen und sie nicht nur mit bunten Bildern zu beschäftigen, sondern Bücher und Geschichten gemeinsam zu erleben.

Selbst im Bereich der Fachbücher sind Lichtblicke zu erkennen. Zwar gibt es noch immer grässliche Layouts gedruckter Bücher mit Ablenkung von überflüssigen Inhalten bis hin zum Erschlagen guter Inhalte. Aber es gibt auch wieder Fachbücher bei deren Herstellung sich die Verantwortlichen erkennbar etwas gedacht haben. Druckqualität und Qualität bei Illustrationen, Bildern und Grafiken spielen wieder eine Rolle. Was die Gründe sind und wie die Prognose für die Zukunft aussieht, sei dahin gestellt.

Im universitären Bereich mag es ein wenig anders sein. Da brauchte es teilweise schon immer Mut – oder in meinem Fall schlichte Sturheit –, schlechten, formalen Anforderungen, ein wohl durchdachtes, gutes Ergebnis entgegen zu setzen. Aber auch da hat erst kürzlich jemand wieder einmal meine Erfahrung mit meiner eigenen Diplomarbeit geteilt. Damals hatte ich die formalen Vorgaben weitgehend ignoriert und schon sehr früh einfach einmal einen nach meinen Vorstellungen gesetzten ersten Entwurf der formalen Teile und der Einleitung meiner Arbeit und einer später wieder entfernten Beschreibung des geplanten Vorgehens präsentiert. Der wurde für gut befunden und ich durfte dann auch die komplette Arbeit in dieser Form einreichen. Fast dasselbe Vorgehen habe ich einem Studenten, der mich um Rat fragte, ebenfalls empfohlen. Auch er hatte damit Erfolg.

Leser sind generell nicht so dumm wie sie gerne dargestellt werden. Auch wenn sie nicht unbedingt im Detail erklären können, warum ihnen ein Buch gefällt oder warum sie es gerne lesen, sie erkennen wesentlich öfter, was eine gute Gestaltung ist. Bei insgesamt gut gestalteten Werken geht das so weit, dass sie sogar die Kleinigkeiten, die man hätte besser machen können, entdecken und benennen können. Die Ansprüche steigen in der Tat oftmals mit der gelieferten Qualität.

Feststellen kann ich, dass meine eigene Prognose von vor vielen Jahren derzeit zutrifft. Das Buch – und ich meine hier das gedruckte Buch – lebt!
Und es lebt nicht nur ein Nischendasein bei einigen Freaks und ewig Gestrigen.

Bis demnächst
Markus

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