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Warum wird der Text in meinem Dokument vertikal auseinander gezogen und was kann ich dagegen tun?

Bei LaTeX hat man die Wahl, ob der Seitenumbruch mit vertikalem Ausgleich oder ohne vertikalen Ausgleich erfolgen soll. Manuell kann man zwischen den beiden Möglichkeiten mit den Anweisungen \flushbottem (vertikaler Ausgleich) und \raggedbottom (kein vertikaler Ausgleich) umschalten. Beim doppelseitigen Satz (Option twoside bzw. Voreinstellung bei scrbook) wird automatisch mit vertikalem Ausgleich gearbeitet. Beim vertikalen Ausgleich wird das Material einer Seite so verteilt, dass die letzte Zeile immer an der gleichen vertikalen Position steht. Dazu werden variable vertikale Abstände – beispielsweise bei \vspace{2ex plus 1ex minus 1ex} – entsprechend der Erfordernisse zunächst anteilig angepasst. Genügt dies noch nicht, so werden die Abstände ggf. auch überdehnt und TeX meldet dann eine »underfull \vbox«. Sinn des vertikalen Ausgleichs ist, dass das untere Ende einer Doppelseite aber auch beim Blättern im Buch ruhiger wirkt und nicht hüpft.

Das optisch auffällige Auseinanderziehen erfolgt nun im Zusammenhang mit \flushbottom genau dann, wenn TeX nicht in der Lage ist, eine zufriedenstellende Lösung des Umbruchproblems zu finden. Das geschieht beispielsweise häufig dann, wenn der Anwender \pagebreak zu früh auf einer Seite verwendet, denn \pagebreak schaltet die Anforderung für die vertikale Position der letzten Textzeile im Gegensatz zu \newpage und \clearpage nicht aus. Aber auch beim automatischen Umbruch kann dieses Problem auftreten. Erfolgt beispielsweise ein Seitenumbruch unmittelbar im Bereich einer Überschrift, so kann TeX ebenfalls ein unlösbares Problem vorfinden. Einerseits müssen zusammen mit der Überschrift min. zwei nachfolgende Textzeilen auf dieselbe Seite gesetzt werden. Andererseits passen Überschrift und zwei Zeilen Text aber eventuell nicht mehr auf die aktuellen Seite. Nun versucht TeX zunächst, ob auf der Seite dann vertikale Abstände zusammengedrückt werden dürfen. Der Abstand vor und nach einer Überschrift ist in der Regel variabel definiert, um dies zu ermöglichen. Doch manchmal genügt das nicht. In dem Fall wird die Überschrift auf die nächste Seite gesetzt und die Seite vor der Überschrift überdehnt. Ganz ähnliche Probleme können im Bereich vertikaler Boxen, beispielsweise \parbox, tabular oder minipage, auftreten.

Sowohl wenn manuelle Seitenumbrüche die Ursache sind, als auch wenn der automatische Seitenumbruch keine Lösung findet, wird die resultierende Überdehnung als »underfull \vbox« gemeldet. TeX will damit sagen: »Hier läuft etwas schief. Der Anwender muss mir beim Finden einer Lösung behilflich sein.« Solche Hilfe kann beispielsweise in dem expliziten Einfügen von \newpage oder \clearpage oder der Verlängerung der Seite mit Hilfe von \enlargethispage sein. Manchmal ist es auch sinnvoll, einzelne Absätze dann mit Hilfe von \looseness=-1 eine Zeile kürzer oder \looseness=1 eine Zeile länger umbrechen zu lassen. Wobei \looseness-Angaben immer nur ein Angebot an TeX sind. Wenn TeX keine Möglichkeit findet, den Absatz länger bzw. kürzer zu umbrechen, wird es das auch nicht tun. Da sich der gesamte Umbruchalgorithmus durch die Verwendung von \looseness leicht ändert, kann es übrigens manchmal auch den gegenteiligen Effekt haben, also statt eine Zeile kürzer (Wert -1) tatsächlich eine Zeile länger umbrechen oder umgekehrt.

Achja: Die Frage und die Antwort stehen hier zwar in der KOMA-Script-FAQ. Tatsächlich ist das aber nicht für KOMA-Script spezifisch, sondern gilt für LaTeX allgemein. Lediglich die Frage, ob die Option twoside automatisch auch \flushbottom impliziert, kann bei einzelnen Klassen anders sein. Die Standardklassen verhalten sich diesbezüglich jedoch genau wie die KOMA-Script-Klassen – oder genaugenommen verhalten sich die KOMA-Script-Klassen diesbezüglich wie die Standardklassen.

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